stephanie regenbrecht
2012

Die Leinwand ist für Daniela Löbbert das Feld, auf welchem sie die Möglichkeiten befragt, wie ein Objekt gemalt oder die Malerei selbst zum Objekt werden kann. Die Malerei soll sich in ihren illusionistischen Möglichkeiten gleichsam befreien und direkt mit den physischen Tatsachen befassen. Der reale Raum soll den Illusionsraum durchdringen und die Malerei somit physisch spürbar werden und selbst eine körperliche Qualität erhalten. Daniela Löbbert kommt dabei zu einer reduzierten Malerei, bei der es keine Geste gibt, außer der Betrachtung der Form selbst. Ihr malerisches Vorgehen weist eine starke Limitierung und Systematisierung auf; durch Wegnahme und Vereinfachung lässt sie Gegenstände entstehen, die nicht nur ihre eigenen Grundformen kristallin machen, sondern auch die des „Mediums Malerei“. Dies scheint inspiriert von Vorbildern, bei denen das gemalte Bild selbst zum Objekt wurde, wie bei den Shaped Canvases von Frank Stella. Löbbert aber wendet quasi das umgekehrte Verfahren an und konkretisiert dieses „Objekt: Malerei “ wieder als eine Reinform der Malerei. Dadurch fordert sie die Leinwand als klassischen Bildträger nahezu heraus. Sie provoziert die flache Leinwand, sich ihre Räumlichkeit zu erkämpfen. Erst wirft sie die Form auf die Leinwand, die vorher als Objekt existierte und dann muss sie sich als solche beweisen. So auch bei ihrer Arbeit Haunted Place von 2010, einer ins Neon gezogenen Adaption Ellsworth Kellys Two Panels: Red Yellow, die man als frei im Raum stehende Leinwand jetzt auch umlaufen kann.

Löbberts sehr durchdachtes Werk ist aber keineswegs so hermetisch, dass nicht die kleinen Zufälle des täglichen Lebens auch Eingang finden und Leichtigkeit und Beschwingtheit hereintragen könnten. In einer Sammlung kleinerer Arbeiten auf Papier, die oftmals als Gedanken- und Erfahrungsfelder neben ihren großen Leinwänden hängen, macht sie Beobachtungen die das Auge des Betrachters für die Absurditäten des Lebens schulen. Die fotografierten, ausgedruckten, von vorne und von hinten bezeichneten Blätter bilden freie, assoziative Bezüge zu Löbberts Malereien als auch zur uns umgebenden Welt. Die Künstlerin untersucht auch wie sich formales Ausgangsmaterial durch die Reproduktion und die Übertragung in andere Kontexte völlig verändern kann. Beim Stöbern durch alte Ausstellungskataloge entdeckte sie winzig kleine Abbildungen von Arbeiten Ellsworth Kellys. Von ihnen stellte sie Tintenstrahldrucke auf einzelnen Blättern her und befreite sie damit vom Appendixcharakter des Katalogkontextes, machte sie zu einer selbstständigen druckgraphischen Arbeit. Dies nennt Löbbert dann ganz raffiniert Reproduktion en noir et blanc (2009) und lässt damit den Zufall die Kunst gestalten.

arne reimann
2012

Minimalistische Formensprache, monochrome Flächen, monumentale Dimensionen. Die großformatige Malerei von Daniela Löbbert spricht eine deutliche Sprache. Sie reflektiert die klassische Moderne und deren - teils gescheiterte - Utopien, die sich in die urbane Lebenswirklichkeit fest eingeschrieben haben. Die rationalisierten und industriell optimierten Formen sind Produkte eines Abstraktionsprozesses, an dem auch eine gesellschaftliche Entwicklung abgelesen werden kann. Abstraktion und Konstruktivismus, Bauhaus und De Stijl finden als ästhetisches Material neue Verwendungen, ohne die gesellschaftlichen und weltanschaulichen Ideen, die sie historisch verkörpern, zu transportieren.

Panels, Fassadenelemente und kubisch reduzierte Baukörper, architektonische Normteile wie auch die Stadtmöblierung überführt die Künstlerin in eine zweidimensionale Malerei. Klare Konturen und große, monochrome Farbflächen dominieren die Leinwände, deren geometrisch definierten Flächen Assoziationen mit architektonischen Formen provozieren.

Der Widerspruch aus dem potentiellen Volumen der Form und der Fläche des Bildes wird durch die glatt aufgetragene Farbe nicht aufgelöst. Die spatiale Dimension der Arbeiten verstärkt die Künstlerin durch die Inszenierung ihrer Leinwände im Ausstellungsraum. Nicht nur an den Wänden präsentiert sie ihre Arbeiten, sondern auch als "Kundenfänger" aufgestellte Schilder.

Die Architektur des Stadtraumes ist für die Künstlerin allerdings nur als Bestandteil einer von Menschen gestalteten Lebenswirklichkeit von Interesse. Die minimalistische Geometrie repräsentiert das ökonomische Kalkül maschinell hergestellter Produkte. Daniela Löbbert analysiert die städtebaulichen Strukturen und übersetzt Alltagsdinge in konkrete Malerei, die sich im Ausstellungsraum verräumlicht.

mayarí granados
Die Form der Farbe und die Farbe der Form, 2008

Auf einer großformatigen Leinwand steht dem Betrachter eine monochrome grüne Farbfläche gegenüber, die fast die gesamte Bildfläche einnimmt. Sie ist eckig, zeigt aber keine bekannte geometrische Form. Fast scheint es, als verweigere sie sich dem Betrachter, indem sie ihren Platz auf der Leinwand geradezu verteidigt, die Blicke des Betrachters nicht an sich vorbeilässt. Es ist eine Farbfläche, die eine Aussage trifft, die als pure Farbe im Raum steht. Der Betrachter fühlt sich an eine bestimmte Gegenständlichkeit erinnert, vermag aber doch keine definitive Form zu erkennen. Den Eindruck der Gegenständlichkeit ruft die Künstlerin Daniela Löbbert dadurch hervor, dass ihre leicht unregelmäßige Farbfläche aus mehreren Schichten grünen Lacks an den Rändern die Leinwand als Bildträger sehen lässt, so dass der Malgrund Teil des Bildes wird und die Farbe beinahe plastisch wirken lässt, gleichzeitig aber auch die Aussage der Farbe als solche verstärkt. In der Tat stehen Gegenstände hinter vielen der Arbeiten Löbberts – in diesem Fall eine grüne Folie – doch reduziert die Künstlerin diese Gegenstände oder auch Landschaften auf eine Zeichenhaftigkeit, die ihren Ausdruck in der Farbe findet. In den meisten Arbeiten bedient sich Löbbert einer oder höchstens zwei Farben – setzt sie direkt auf die Leinwand, zum Beispiel als weiße Rechtecke in zwei Reihen auf die Nesselfarbe der Leinwand, oder aber als ziegelrotes, hellblaues oder graues Rechteck, welches von einem schwarzen Rahmen umgeben ist, den das Auge automatisch als Hintergrund betrachtet, obwohl beide Farbflächen gleichwertig nebeneinander stehen und durch klare Kanten voneinander abgetrennt sind. Eine Perspektive ist nicht vorhanden, wird dem Betrachter aber durch seine Sehgewohnheiten vorgegaukelt.

Der Leinwand kommt in den Arbeiten Löbberts eine wichtige Rolle zu: Einerseits negiert die Künstlerin die Leinwand, indem sie sie ungrundiert und unbearbeitet zum reinen Bildträger degradiert, andererseits wird gerade dadurch die Farbe stärker hervorgehoben und erfährt eine andere Begrenzung, als dies durch die Ausmaße der Leinwand geschieht. Die Form des monochromen Lacks erfährt so eine andere Bedeutung, wird zum eigentlichen Bild. Damit erreichen die Arbeiten Löbberts eine weitere Dimension, die nicht zustande kommen könnte, würde sie die gesamte Leinwand monochrom bemalen; die Farbe erhält zusätzlich eine Bedeutung als Form. Bei näherem Hinsehen offenbaren sich außerdem feine Bleistiftlinien, die auf eine Vorzeichnung schließen lassen. Tatsächlich legt die Künstlerin ihre Arbeiten an, indem sie zunächst ein Motiv auswählt, sich mit diesem Motiv auseinandersetzt und es reduziert, dann diese reduzierte Form vorzeichnet. Schließlich klebt sie die Form mit Malerkrepp ab und streicht in einem eher handwerklichen als künstlerischen Prozess die Lackfarbe mit einer Rolle in mehreren dünnen Schichten auf die Leinwand. Durch den dünnen Lack scheinen an manchen Stellen die vorgezeichneten Linien durch, oder aber sie sind am Rande der Farbe sichtbar. Durch das bewusste Belassen dieser Bleistiftlinien kann der Betrachter erkennen, dass es sich nicht einfach um auf die Leinwand gesetzte Farbe handelt, sondern die monochrome Form geplant angelegt ist. Dadurch setzt automatisch wieder ein Denkprozess ein, der den Betrachter zu der Frage nach dem Inhalt der Malerei führt, zu dem Punkt, auf den es der Künstlerin ankommt. Für die Künstlerin ist das Bild die Bühne, die ein Gegenstand braucht, um in seiner Eigenheit sichtbar zu werden. Dies ist sicherlich der Kernpunkt von Löbberts Malerei: der Eigenwert der Dinge, die Eigenheiten der Gegenstände, die durch die Malerei sichtbar gemacht werden; dabei bleibt ein Bild jedoch immer ein Bild; ist als solches autonom. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb die Künstlerin kein Abbild schaffen will, beispielsweise einer Landschaft, da ein Abbild immer hinter der Faszination der Wirklichkeit zurückbleiben muss. So beschränkt sie sich auf eine Farbe, die in der Landschaft vorkommt, sei es als Gegenstand oder im Himmel, um diese stellvertretend für die Landschaft stehen zu lassen. Das Bild entfaltet sich erst in der Auseinandersetzung, im Wechselspiel mit der Realität.

Die blauen und ziegelroten Arbeiten auf dunklem Grund gehören zu einer Serie, die in der Zeit in Schwalenberg entstanden sind. Bei diesen Arbeiten, die wiederum reine Farbe zeigen, war die Landschaft – genauer: der Blick aus dem Atelierfenster in Schwalenberg auf das Tal – Inspiration; so setzte die Künstlerin hier Farben des Himmels um. Erkennt der Betrachter jedoch in dem Orangerot einiger Bilder nicht die Farben eines Sonnenuntergangs, sondern die im Tal liegenden roten Ziegeldächer, so ist diese Interpretation für die Künstlerin ebenfalls ein gültiges Bildmotiv. Ein Aspekt der Arbeiten Löbberts ist das Zusammenspiel, die Kommunikation mit dem Betrachter. Es geht der Künstlerin um die Fragen, wie ein Bild entsteht, wie Sehen und Erkennen funktionieren und schließlich, wie der Mensch sich seiner Umgebung nähert und sie wahrnimmt. Die Bilder Löbberts funktionieren nur, wenn der Betrachter sich das Bild aktiv erschließt und zumindest einige dieser Fragen stellt. Dabei ist es für die Künstlerin unerheblich, ob der Betrachter dieselben Gegenstände assoziiert, die die Grundlage für ihre Farbflächen bildeten, oder ob er andere Erinnerungen oder Dinge damit verbindet. Im Abgleichen des Bildes mit der Erinnerung oder Wahr­nehmung des Betrachters wird ein Prozess in Bewegung gesetzt; und genau diese Interaktion ist es, die Löbbert mit ihrer Kunst erreichen will.

Mit ihren konsequent angelegten, meist monochromen Bildflächen greift Daniela Löbbert auf die Tradition der abstrakten Malerei zurück. In ihrem bisherigen Werk hat sie Abstraktion im Sinne der konkreten Kunst erarbeitet, sich jedoch in jüngster Zeit in Schwalenberg verstärkt mit dem Thema Landschaft auseinandergesetzt. Da­bei bleibt sie aber bei ihrer konsequenten Reduktion, so dass die Bilder auf den ersten Blick keine Landschaften erkennen lassen, jedoch Elemente wie Horizont und Far­ben des Himmels in ihre Arbeiten einfließen, oder aber Elemente aus der Land­schaft, wie Folien, die einen Holzhaufen abdeckten, als Bildsujet freigestellt wieder auf­tauchen. Man ist versucht, in ihren Bildern eine Gegenständlichkeit zu suchen, wird aber immer wieder auf die bloße Farbwirkung zurückgeworfen und ist deshalb um­so erstaunter, dass hinter vielen der Motive tatsächlich ein Element einer realen Landschaft steht. Deshalb entfernt sich Löbbert trotz augenscheinlicher Ähnlichkeit von der konkreten Malerei, die im Gegensatz zur abstrakten Malerei nicht von einem Gegenstand ausging um diesen zu abstrahieren, sondern die reine Farbe, Linie und geometrische Form im mathematischen Sinne ohne Bezug zu einem realen Gegenstand als Bildsujet hatte. Ähnlich wie die Vertreter der konkreten Kunst gingen die amerikanischen Hard Edge Maler der 1960er Jahre vor, die ebenfalls zu den Vorbildern Löbberts zählen. Diese Stilrichtung ist gekennzeichnet durch einfache geometrische oder organische Formen in flächig aufgetragenen Farben, die durch „harte Kanten“ voneinander abgetrennt sind. Das Ziel war es, eine objektive Ausdruckskraft der Farben zu erreichen.

Daniela Löbberts Arbeiten stehen zwar formal in diesen Traditionen, inhaltlich kommt sie aber der abstrakten Malerei näher – auch wenn sie ihre Gegenstände so stark abstrahiert, ja, reduziert, dass das Ergebnis am Ende wie eine Farbe und eine Form wirkt, die einzig und allein für sich steht.

Löbberts Kunst konfrontiert den Betrachter mit sich selbst, mit seiner Art der Wahr­nehmung. Das Faszinierende an ihren Arbeiten ist gerade diese Gratwanderung zwischen einer bloßen Farbe, die meditativ wirken kann, und einem Inhalt, der sich dem Betrachter nur in der aktiven Kommunikation mit dem Bild erschließt. Löbbert bringt verschiedene Traditionen der Kunst zusammen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Diese Balance zwischen zeichenhafter Gegenständ­lichkeit und flächig-monochromer Malerei macht den besonderen Charakter von Löbberts Arbeiten aus.

hans-jürgen lechtreck
Voluminöse Oberflächen, Malerei als Denkfigur für eine erneuerbare Moderne, 2008

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Die zumeist großformatigen Bilder von Daniela Löbbert zeigen geometrisch definierte monochrome Flächen, die isoliert auf einer hell grundierten Leinwand aufliegen. Den häufig bis an die Ränder der Leinwand ausgespannten Farbflächen haften gleichwohl Reste von Gegenständlichkeit an, indem ihre präzisen Konturen Assoziationen mit architektonischen Formen herausfordern. Tatsächlich sind ihrer Bilderfindungen das Ergebnis „einer bestimmten Art, die Umwelt wahrzunehmen“, die von der Künstlerin selbst mit ihrem Design-Studiums in Verbindung gebracht wird. Sie richtet ihren Blick auf „Gegenstände, die etwas Ungegenständliches an sich haben“ (Daniela Löbbert), weil sie Kubaturen aufweisen, deren minimalisierte Geometrie die Ästhetik der modernen Architektur wiederholt. Aus diesen Gegenständen extrahiert Löbbert Geraden, Krümmungen, Winkel und Flächeninhalte, die sie auf der Leinwand derart verabsolutiert, dass sie sich ästhetisch verselbstständigen. Der geometrische Körper, der ihnen zugrunde lag, ist gleichwohl immer noch präsent, indem sichtbar belassene Linien und der Farbfläche beigebrachte Grate seine Kanten nachzeichnen. Seine Präsenz, diese Reste von Gegenständlichkeit, resultieren allerdings weniger aus den illusionistischen Möglichkeiten der Malerei (Perspektive), als aus der von Löbbert entwickelten Methode, die von ihr beobachteten Volumen in ihren Bildern als entfaltete Oberflächen wiederkehren zu lassen. Auf ihren Bildern, um genau zu sein, denn infolge des für die Farbflächen verwendeten Acryllacks scheinen diese wie ein dünner Film auf der Leinwand aufzuliegen, durch ihren matten Glanz zusätzlich von dem rauen Untergrund unterschieden.

Dieses Umschlagen eines Volumens in eine Oberfläche führt zugleich das Umschlagen eines Gegenstands in sein Bild vor. Aber die Malerei bildet den Gegenstand nicht ab. Löbberts Bilder kommen ohne Abbildlichkeit und illusionistische Wirkung aus. Sie präsentieren Form und Farbe als materielle Eigenschaften des Bildes selbst und machen es als ein ebenfalls der Gegenstandswelt zugehöriges Etwas kenntlich. Eine von der Künstlerin unter dem Titel daybreak nightfall präsentierte Serie kleinformatiger Bilder ist hierfür exemplarisch. Die standardisierten Formate sowie die Wiederholung und gleich bleibende Anordnung der immer gleichen Form, eines Rechtecks mit zu den Kanten des Bilderträgers parallel verlaufenden Seiten, lassen die Bildproduktion unmissverständlich als Gegenstandsproduktion sichtbar werden. Für Löbbert ist das gemalte Bild als Kunstwerk – als peinture – nicht von Interesse. Sie interessiert vielmehr, unter welchen Bedingungen Form und Farbe eines Gegenstands Bild werden können, und umgekehrt, unter welchen Bedingungen Form und Farbe eines Bildes dieses zu einem Gegenstand werden lassen.

Ihre Malerei verfolgt die technische Rationalität und Maschinen-Ästhetik der Moderne, um die darin aufgehobenen Bilder zu bergen. Denn in der mechanisierten Gegenstandsproduktion erkennt Löbbert eine permanente Bildproduktion. Unabhängig von der Frage nach der eventuellen Schönheit des nur Zweckmäßigen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit großer Entschiedenheit bejaht wurde, unternimmt sie es, diese in der Gegenstandswelt vorhandenen Bilder für die von ihrer unübersehbaren Massen und dem alltäglichen Umgang mit ihnen erschöpfte menschliche Wahrnehmung zurückgewinnen. Genau das bezeichnete Anfang des 20. Jahrhunderts der russische Schriftsteller Viktor Šklovskij als zentrale Aufgabe der Kunst: „Und gerade, um das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt. Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen; das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der ‚Verfremdung’ der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozeß ist in der Kunst Selbstzweck und muß verlängert werden (…).“ [1] Unter dieser Prämisse erneuert Daniela Löbbert den von der Moderne formulierten Anspruch, Kunst und außerkünstlerische Wirklichkeit ästhetisch zusammenführen zu können: Altglascontainer und Umzugskartons, Plakat- und Lärmschutzwände sind nicht nur bildwürdig, sondern lohnen es im Einzelfall, selbst als Bilder betrachtet zu werden.

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[1] Viktor Šklovskij, „Die Kunst als Verfahren“, in: Jurij Striedter (Hg.), „Russischer Formalismus. Texte zur Theorie der Prosa“, München S.1994 (1971), S. 3-35, hier S. 15.

peter friese
2007

Daniela Löbberts Haltung als Malerin wird auf der einen Seite durch den bewussten Rückgriff auf eine Tradition ungegenständlicher monochrom-flächiger Malerei geprägt, wie sie sich in der Nachkriegsmoderne in Europa und Nordamerika entwickelt konnte. Auf der anderen Seite sind in diesen schon durch das bewusste Quantum von Farbe beeindruckenden Bildern immer zeichenhafte Verweise, Andeutungen von Gegenständlichkeit und Räumlichkeit enthalten. So aber offenbaren diese Bilder einen Doppelcharakter, der zwischen der malerisch vermittelten Absolutheit der Farbe und der durchaus dechiffrierbaren – im Alltag selbst angelegten – Zeichenhaftigkeit einer Tür, eines Quaders oder einer geöffneten Kiste vermittelt. Doch diese räumlich-gegenständlichen Verweise sind nur subtile Andeutungen, die das, was die flächig-monochrome Malerei auszulösen oder zu veranschaulichen vermag nicht wirklich brechen oder völlig aufheben. Beide Komponenten halten sich gegenseitig im Gleichgewicht.

ferdinand ullrich
2006

Daniela Löbberts Bildwerk demonstriert höchste Abstraktion im Sinne der konkreten Kunst. Ihre Gemälde verzichten auf jeglichen Bezug zur außerbildlichen Wirklichkeit. So erscheint die dargestellte Form als eine reine Bildform. Dabei ist das Bildformat in einem prekären Gleichgewicht ausgelotet, das die Bildfläche zugleich bestätigt und aufhebt. Die geometrischen Bildformen rücken an den äußersten Rand der Leinwand, was diese als solche bewußt macht, als bloß materieller Bildträger. Die reduzierte und wenig differenzierte Farbgebung bestätigt dies zusätzlich. Außerdem spielen Form und Farbe mit dem Positiv-Negativ-Effekt. Der Hintergrund kippt in den Vordergrund. Der Vodergrund, das geometrisierte Motiv, wird zur Öffnung in den Hintergrund. Ein hohes Differenzierungsvermögen wird bei der Bildbetrachtung aktiviert. Nicht das wiedererkennende Sehen scheint gefordert, sondern das „Sehende Sehen“. Schließlich aber entsteht doch noch ein weiterer Effekt, der die erste Wahrnehmung radikal unterläuft. Die ungegenständlichen Motive gründen auf höchst gegenständlichen Erfahrungen: Grundrisse, Möbelansichten, Architekturschnitte. So changiert das Bild unentscheidbar zwischen Ungegenständlichkeit und Gegenständlichkeit.